Die Sichtachsen auf das Leben erhalten

Ein Tagungsbericht zur Online-Veranstaltung "Ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben? Diskussion zum §217 StGB" vom 21.05.2021

The Death of Socrates (c) Wikimedia
The Death of Socrates
Datum:
Mi. 26. Mai 2021
Von:
Thomas Hohenschue

Wie mit Sterbe- und Suizidwünschen Todkranker umgehen? Aachener Online-Tagung lotete Chancen und Grenzen der neu aufgeflammten Debatte um das Recht auf selbstbestimmtes Sterben aus.

Was geschieht, wenn ein todkranker Mensch sterben will und dabei Hilfe benötigt? Diese Frage fordert das direkte Umfeld wie Angehörige, Pflegepersonal und Ärzteschaft heraus, aber auch Gesellschaft, Kirche, Hospiz- und Palliativbewegung. Der rechtliche Rahmen, über unterstützte Formen des Suizids zu sprechen und darin zu handeln, ist seit Februar 2020 offener geworden. Denn das Bundesverfassungsgericht kassierte den Paragrafen 217 des Strafgesetzbuches ein, der die geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung etwa durch Sterbehilfevereine verbot.

Diese Entscheidung löste eine komplexe Debatte über die künftige Ausrichtung des Umgangs mit Sterbe- und Suizidwünschen aus, zumal das Gericht von einem „Recht auf selbstbestimmtes Sterben“ sprach, dem als Ausdruck des allgemeinen Persönlichkeitsrechts ein angemessener Raum zur Entfaltung zustehe. Am Horizont eine eventuelle gesetzliche Neuregelung, vermischen sich ethische, fachliche und gesellschaftspolitische Aspekte bei der Betrachtung des Themas. Eine Aachener Online-Tagung lotete am 21. Mai 2021 Chancen und Grenzen der aktuellen Debatte aus.

Eine wichtige Linie markierte Prof. Andreas Lob-Hüdepohl gleich zu Beginn: Selbstbestimmt zu sterben, heiße den eigenen Prozess des Sterbens zu gestalten. Sterbewünsche bei fortschreitenden Erkrankungen ohne Heilungsperspektive seien respektvoll zu betrachten, sie seien immer das Ergebnis einer langen Auseinandersetzung, sagte der Berliner Professor für Theologische Ethik. In dieser entscheidenden Situation komme es für das Umfeld darauf an, die Sichtachsen auf das Leben zu erhalten, skizzierte Lob-Hüdelpohl die zentrale Aufgabe für Begleiterinnen und Begleiter.

Denn der Sterbewunsch resultiere meist aus einem Blick des Todkranken, der sich schrittweise verengt habe. Dabei gebe es in den meisten Fällen noch plausible Alternativen zum frei gewählten Tod, die ein menschenwürdiges Sterben unterstützen. Die medizinische, pflegerische, psychosoziale und seelsorgliche Versorgung und Begleitung des sterbenden Menschen biete diese Alternativen, bekräftigte der Professor, der sich auch im Deutschen Ethikrat engagiert. Wenn der Kranke von diesen anderen Wegen erfahre, entscheide er sich meistens für sie. Denn Suizidwünsche seien in der Regel labil, sie seien mit Lebenswünschen verbunden.

Assistierter Suizid unterliegt in Belgien strengen Vorgaben

Die Einschätzungen des Theologen bekräftigte Dr. Ursula Wetzels. Die Anästhesistin arbeitet schon lange in der Palliativpflegestation St. Joseph im belgischen Moresnet. Sie begleitet zwischen 130 und 150 Menschen im Jahr auf ihrem Weg zum Tod. Auch sie kennt Suizidwünsche mancher Patienten, aber sie hat die Erfahrung gemacht, dass sie nach intensiven Gesprächen davon abrücken. Denn meistens gehe es um den unerträglichen akuten Zustand: „So möchte ich nicht weiterleben.“

Wenn glaubwürdig gezeigt werde, dass es Linderungsmöglichkeiten gebe, weiche der Sterbewunsch. 99 Prozent der Anfragen lösen sich so auf, berichtete Dr. Wetzels. Aber es blieben Menschen, die trotz aller Informationen und Argumente bei ihrem Wunsch blieben. Sie selbst habe in ihren 20 Dienstjahren sieben Bewohnerinnen und Bewohner erlebt, die Hilfe zur Selbsttötung erhielten.

Der belgische Gesetzgeber erlaubt das seit 2002, knüpft dies allerdings an sehr strenge Kriterien und Vorgaben, was die Abläufe angeht. Alles wird mehrfach gegengeprüft, ein Gesamtbild der Situation des Menschen betrachtet. Alle Teilschritte und Teilergebnisse des intensiven Prozesses sind präzise zu dokumentieren. Nach dem frei gewählten Tod werden die Akten von einer unbeteiligten, völlig unabhängigen Kommission gesichtet und bewertet. Wenn etwas nicht in Ordnung ist, werden Beteiligte zur Rechenschaft gezogen. Assistierten Suizid zu leisten, sei also auch in Belgien alles andere als leicht, sondern ein intensiver, anstrengender Prozess, betonte Dr. Wetzels.

Palliative und therapeutische Alternativen zum Suizid aufzeigen

Auch ihrem ärztlichen Kollegen Dr. Sascha Weber vom Universitätsklinikum Aachen sind Sterbewünsche von Patienten nicht unbekannt, sie begegnen ihm bei seiner Arbeit in der Palliativmedizin und in der Psychiatrie ganz im Gegenteil fast täglich. Er plädiert für einen Ethos der Begleiterinnen und Begleiter, der von der Selbstbestimmung des Patienten ausgeht und von daher auch dem Todeswunsch offen und respektvoll begegnet. Man müsse die Haltung des Betroffenen nicht teilen, aber im Gespräch ehrlich erkunden, welches Leid ihn zum Sterbewunsch führe.

Meist stehe verletzte Würde im Mittelpunkt, wenn ein Mensch freiwillig aus dem Leben scheiden möchte. Der krankheitsbedingte Verlust der Unabhängigkeit ist da ebenso ein Thema wie die Schwere der Symptome, welche die Krankheit begleiten, von den Schmerzen und der Luftnot bis hin zu existenziellen Ängsten und Sorgen. Dr. Weber hat gute Erfahrungen damit gemacht, mit den Patienten Gespräche zu führen, die über das aktuelle Erleben hinausreichen und ihm das eigene Gefühl für seine Würde zurückgeben. Der Blick auf das Erreichte, auf gute Erfahrungen, auf schöne Erlebnisse, auf das Thema, was bleibt von mir, was macht mich aus, stärke den Lebenswillen der Kranken und lasse ihren Todeswunsch wieder zurücktreten.

Stellvertretend für alle Teilnehmenden am virtuellen Podium sagte der Assistenzarzt des Aachener Klinikums, dass es zum redlichen Umgang mit dem Thema gehöre, dass es auch wirklich Alternativen gebe, die man den Patienten aufzeigen könne. Konkret sprach er damit die Notwendigkeit an, die Palliativversorgung und die psychiatrische und psychotherapeutische Infrastruktur weiter auszubauen. Denn in vielen Regionen Deutschlands sei die Bevölkerung unterversorgt. Wie also könne man ehrlich einem Sterbewilligen gegenüber von Alternativen reden, wenn sie nicht zur Verfügung stehen? Hier herrscht ein hoher Aufholbedarf für Gesetzgeber und Gesundheitswesen, auch um der Handlungsnot in Krankenhäusern und Einrichtungen entgegenzuwirken.

Gefährliche sozialethische Klippen in der Debatte umschiffen

Die gesamtgesellschaftliche Perspektive auf die aktuelle Debatte erweiterte Prof. Elmar Nass um ein paar sozialethische Brandmauern. So offen, wie nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts der rechtliche Rahmen der Hilfe zur Selbsttötung ausgestaltet sei, drohe eine fatale Verschiebung von Blickwinkeln und Werten, warnte der Aachener Priester und Professor an der Kölner Hochschule für Katholische Theologie. Zum einen gelte es pragmatisch, der gewerbsmäßigen Förderung von Selbsttötung neu einen Riegel vorzuschieben, eine Forderung, die sich wie ein roter Faden in den Beiträgen des Podiums fortspann. Wenn der Gesetzgeber es nicht regele, dann könnten Krankenhäuser und Einrichtungen das für ihren Bereich dank ihres Hausrechtes anhand entsprechender Schutzkonzepte tun, lautete ein Diskussionsstrang.

Zum anderen verwies Prof. Nass auf sozialethische Gefahren und Schieflagen. Keinesfalls dürften wir in eine Debatte geraten, welche die Autonomie des Einzelnen überbetone, auch zum Beispiel in der Verantwortung gegenüber Angehörigen. Und umgekehrt dürfe auch kein Erwartungsdruck aufgebaut werden, sich das Leben zu nehmen, weil man anderen – der Familie, der Gesellschaft – nicht zur Last fallen will. Der Professor plädierte daher dafür, den Wert und die Würde jedes Lebens weiterhin unabhängig in diesem selbst zu sehen, sie auch nicht einmal ansatzweise über eine Kosten-Nutzen-Rechnung zu relativieren. Das ende nämlich in einer christlich nicht tragbaren Unterscheidung von wertem und unwertem Leben, mit ihren fatalen Folgen für viele, wie zum Beispiel für Menschen mit Behinderung, warnte Prof. Nass vor den Implikationen mancher Argumentationen.

Der ostbelgische Bischofsvikar Emil Piront band einige Stränge der angeregten Diskussion zusammen und trat dabei für eine menschenfreundliche Haltung gegenüber den Sterbenskranken ein. Einfach da zu sein, in den düstersten Stunden, auch wenn ein Mensch den Wunsch äußere, sich zu töten und Hilfe dabei beansprucht, das sei die Leistung, auf die es ankomme. Wir wenden uns nicht ab, wir hören zu, halten die Verzweiflung und Ohnmacht mit aus. Wir schlagen nicht die Tür zu. Alle Beteiligten seien in dieser Form gefordert: loszulassen, wenn der Moment da ist, betonte der Bischofsvikar. Seelsorge sei hier auch als Partner des Personals in Krankenhäusern und Einrichtungen gefordert. Die Teams dürften nicht allein gelassen werden in ihrer inneren Not und Spannung, wenn Patienten und Bewohner nach einem frei gewählten Tod verlangen.

Eines ist klar: Die Situation ruft auch in Deutschland nach einer gesetzlichen Neuregelung, um nicht länger alle Beteiligten in dieser unklaren und belastenden Situation zu belassen. Prof. Andreas Lob-Hüdepohl markierte mit einem Plädoyer für ein Suizidpräventionsgesetz die Stoßrichtung, eng verbunden mit der genannten Forderung nach Ausbau der Palliativversorgung. Dr. Sascha Weber appellierte für transparente, gut dokumentierte Verfahren. Lieber im Rahmen öffentlich kontrollierter Konzepte Beihilfe zum Suizid ermöglichen, als dies den häufig intransparenten Regularien, Bedingungen und Interessen kommerzieller Anbieter zu überlassen, lautete nicht nur sein Fazit an diesem Abend. Die Gesprächsfäden des Abends sind auf allen Ebenen fortzuführen.

Infos zum Hintergrund

Das virtuelle Podium zum „Recht auf selbstbestimmtes Sterben“ fand aus Anlass der Woche für das Leben 2021 statt. Verantwortlich zeichnete der Arbeitskreis Hospiz des Bistums Aachen in Kooperation mit der Bischöflichen Akademie Aachen. In der Vorbereitung engagierten sich Pfarrer Hans-Russmann, Diözesanbeauftragter für Hospizseelsorge im Bistum Aachen, Beatrix Hillermann, GdG Alsdorf, Schulseelsorge, und Trauerbegleitung im Bistum Aachen, und Patrick Philipp, Seelsorge im Sozial- und Gesundheitswesen im Bistum Aachen. Moderiert wurde der lebendige Abend von Veronika Schönhofer-Nellessen, Servicestelle Hospiz für die StädteRegion Aachen.