"Gott hat dem Menschen einen unschätzbaren Wert verliehen"

Ein Interview mit Herrn Michael Datené, Priester und Leiter der Gemeinden Eschweiler-Mitte.

Dankbarkeit (c) Pixabay
Dankbarkeit
Mo 31. Aug 2020
Laura Büttgen

Wir fragen Menschen aus dem Bistum Aachen, die mit der Bischöflichen Akademie in Verbindung stehen und die in der Corona-Krise Großes leisten, wie sie in diesen Zeiten Wertschätzung erfahrbar machen. Wir lassen Menschen zu Wort kommen, die in der (Telefon-)Seelsorge, im Sozialwesen, in der Palliativmedizin und in Gemeinden arbeiten und Rat- und Hilfesuchenden, sozial Benachteiligten, Patient/innen,Trauernden und Gläubigen besonders in der Krise viel Wertschätzung entgegen bringen. Wie schaffen sie es, die Krisenzeit für andere Menschen weniger leidvoll zu machen?

Wir wollen verschiedene Perspektiven zum Thema Wertschätzung in Zeiten von Corona zur Sprache bringen und neue Formen des sozialen Miteinanders entdecken.

Michael Datené (c) Michael Datene
Michael Datené

Herr Michael Datené ist Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde St. Peter und Paul, Eschweiler-Mitte, und zugleich tätig als Administrator für St. Bonifatius, Dürwiß, auch GdG-Leiter der GdG Eschweiler-Nord. Zu den Einrichtungen der Pfarre St. Peter und Paul gehören das St. Antonius-Hospital sowie das Kinderheim Haus St. Josef mit ihren jeweiligen vielfältigen Einrichtungen. Unterstützt wird er bei den vielfältigen Aufgaben durch ein buntes und sehr engagiertes Pastoralteam sowie sehr viele motivierte Ehrenamtliche.

Wie erging es Ihnen in den letzten Wochen? Inwiefern hat die Corona-Krise Ihre alltägliche Arbeit beeinflusst?

Die gesamte Corona-Zeit war sehr vielfältig – von den ersten Ankündigungen der Pandemie über den „totalen Lockdown“ bis zu den späteren immer weitergehenden Lockerungen. Ich habe die einzelnen Phasen mit gemischten Gefühlen erlebt.

Unvergesslich werden mir die diesjährigen Kar- und Ostertage sein. Es war für mich unvorstellbar, wie gerade diese Hauptfeiertage unseres Glaubens ohne gemeinsame Gottesdienst-Feiern ablaufen könnten. Ich muss sagen, dass ich sehr hoffe, dass wir die kommenden Festtage (Weihnachten 2020, Ostern 2021 usw.) ohne die strengen Corona-Auflagen wieder sehr festlich und mit ganz vielen Gläubigen in vollen Kirchen werden feiern können.

Dennoch denke ich (und das wurde durch ganz viele positive Rückmeldungen auch so bestätigt), dass wir auch an den Kar- und Ostertagen in diesem Jahr ganz viele Menschen haben erreichen und in ihrem gelebten glauben bereichern können:

Einige junge Leute haben mich von sich aus angesprochen, über das Internet einen Live-Stream der Gottesdienste an den Ostertagen zu machen. Es war für mich faszinierend, wie viele mir bis dato noch unbekannten Talente auf diesem Gebiet in den Gemeinden schlummerten – ich bin dankbar für so viele, die mit Rat und Tat geholfen haben. Neben den umfangreichen technischen Vorbereitungen haben wir die Gottesdienste auch inhaltlich und von der Gestaltung her so angepasst, dass eine größtmögliche Einbeziehung der Gläubigen am Bildschirm möglich wurde. Hierzu habe ich mit anderen zusammen ganz viele Ideen entwickelt und formuliert, so dass wir über die Homepage und durch Emails die Gläubigen einladen konnten, sich selbst auf die Gottesdienste an den Kar- und Ostertagen vorzubereiten. So war beispielsweise für Palmsonntag unser Vorschlag, dass die Kinder Kleider malen können, wie sie die Bevölkerung Jerusalems beim Einzug Jesu in die Stadt an Palmsonntag zu seinen Füßen ausgelegt hatte. Diese Bilder mit den gemalten Kleidern sind daraufhin auch in der Kirche ausgelegt worden und es hat die Kinder erfreut, im Livestream ihre Bilder wiederzuentdecken. Auch für die anderen Gottesdienste haben wir eingeladen, zu Hause Vorbereitungen zu treffen, und so nicht nur als „passiver“ Zuschauer, sondern ganz aktiv mitzufeiern und sich zu beteiligen. Ich denke, dass wir unter Berücksichtigung der positiven Rückmeldungen und den auferlegten Bedingungen das Beste daraus gemacht und viele tolle Ideen entwickelt haben.

Die Livestream-Gottesdienste an den Kar- und Ostertagen haben wir bewusst aus den verschiedenen Kirchen gesendet, für die ich zuständig bin. Überhaupt habe ich seit Beginn des Lockdowns, also etwa ab Mitte März, jeden Tag bewusst die hl. Messe gefeiert, aufgenommen und dann ins Internet gestellt, so dass die Gläubigen sie „nach-sehen“ konnten. Auch hierbei habe ich bewusst zwischen St. Peter und Paul, St. Antonius Röhe, St. Bonifatius Dürwiß, der Kapelle des Krankenhauses und der Kapelle der Liebfrauenschule gewechselt. Auf diese Weise konnten (und haben!) tatsächlich sehr viele Menschen den Gottesdienst aus „ihrer“ Kirche verfolgen können und waren so mit Jesus Christus und seinem Erlösungswerk für uns verbunden.

 

Welchen Einfluss haben die momentanen Regellockerungen?

Im Zuge der Regellockerungen hat sich für uns z.B. die Möglichkeit ergeben, in dem neu ins Leben gerufenen Auto-Kino in Eschweiler, in dem sonst in der Corona-Zeit Comedians und Bands auftraten, einen ökumenischen Gottesdienst zusammen mit der evangelischen Kirche und zwei Freikirchen aus Eschweiler zu feiern. Als erste Veranstaltung an diesem Ort waren wir für die Einsegnung des Autokinos zuständig. Insgesamt waren wir fünf Geistliche, die zuvor alles Inhaltliche von Altar über Musik bis hin zu Fürbitten organisiert haben. Am Ende des Gottesdienstes haben wir die Menschen in den ausfahrenden Autos gesegnet und sind auch ab und zu durch ein geöffnetes Autofenster kurz ins Gespräch gekommen. Das war eine besondere Erfahrung, da wir dort nicht nur den ersten öffentlichen Gottesdienst nach dem Lockdown gefeiert haben, sondern weil wir damit auch viele unterschiedliche Leute erreicht haben – nicht nur aus Eschweiler, sondern auch aus der Umgebung und durch die Berichterstattung sogar weit darüber hinaus. Es hat sehr viel positive Resonanz aus den Gemeinden gegeben, was uns alle sehr gefreut hat.

Beim Gottesdienst im Autokino habe ich auch die Gründung eines GebetsKraftwerks in Eschweiler angekündigt – inspiriert durch das Gebetshaus in Augsburg. Die ökumenische Initiative (www.gebetskraftwerk.de), die daraufhin am 06. Juni 2020 offiziell startete, soll ein Ort sein, an dem Menschen zusammenkommen, um Gott anzubeten und seine Liebe zu uns Menschen zu feiern. Es soll keine eigene Gemeinde werden, sondern es soll vielmehr Leuten die Möglichkeit geben, Gott persönlich zu begegnen in ihrem Gebet. Als ein Ort, an dem wir mit Gott verbunden sein können, soll das Gebetskraftwerk unter anderem die so notwendige Gebetsgrundlage gewährleisten für die zukünftigen Entwicklungen des Reiches Gottes in Eschweiler und der ganzen Region.

Weitere Regellockerungen haben dazu geführt, dass wir seit einiger Zeit unter bestimmten Auflagen in Gottesdiensten wieder singen dürfen – was ich seit Wochen vermisst habe und nur in den „stillen“ Messen über das Internet tun konnte. Ich bin sehr froh, dass unsere Gottesdienste unter der Maßgabe der Corona-Auflagen wieder sehr gut besucht sind. In einigen Gottesdiensten lässt sich sogar eine Anmeldepflicht nicht vermeiden. Jedoch lässt sich allgemein sagen, dass das Abstandhalten in der Kirche mit sich bringt, dass einige Leute nicht kommen, u.a. da die Plätze begrenzter sind als sonst, und viele Menschen im Kontakt mit anderen Personen vorsichtiger geworden sind.

Thema „Wertschätzung“: Was verstehen Sie unter dem Begriff? Wie setzen Sie wertschätzendes Handeln um?

Ich beziehe den Begriff Wertschätzung auf den Menschen an sich: Jeder Mensch wurde von Gott geschaffen und ist unendlich geliebt von ihm. Darin liegt sein unschätzbarer Wert begründet, was bedeutet, dass jeder Mensch anzuerkennen und zu ehren ist. Ich versuche, meine Wertschätzung auszudrücken z.B. durch Höflichkeit, Freundlichkeit, Dankbarkeit und Beachtung des Einzelnen. Jeder Mensch ist mir wichtig, ebenso wie er Gott wichtig ist.

In der akuten Corona-Phase war es mir wichtig, mit den Menschen im Gespräch zu bleiben. Dies zum einen, über die gestreamten Gottesdienste, zu denen ich auch überregionale Rückmeldungen z.B. per E-Mail erhalten habe. Zum anderen habe ich aber auch ganz konkret das Gespräch gesucht mit einzelnen Personen vor Ort, wie z.B. dem Bürgermeister, einigen geistlichen Mitbrüdern, zahlreichen ehrenamtlich Engagierten. Das ging teils per Telefon, teils in persönlichen Gesprächen unter den entsprechenden Corona-Auflagen. Mir war es wichtig zu erfahren, wie den einzelnen Menschen (auch unabhängig von Corona) ganz persönlich ging, wie sie die Situation einschätzten, was ihnen zu Kirche und Gesellschaft am Herzen lag, ob sie Rückmeldungen an mich hatten usw. Das war eine schöne und hilfreiche Erfahrung, durch die ich zu einigen tieferen Erkenntnissen gekommen bin.

Welche Chancen sehen Sie in der Corona-Krise?

Obwohl ich der Meinung bin, dass die Covid-19-Erkrankung sehr schlimm ist und ich mit den betroffenen Menschen sehr leide und trauere, so kann ich auch feststellen, dass diese Zeit und der Lockdown nicht nur schlimme Folgen hatte. Es hat mir und anderen Personen auch neue Perspektiven eröffnet hat, sodass ich sagen kann, dass ich dieser Zeit auch etwas Positives abgewinnen kann.

Ich denke, dass die Corona-Krise mir neue Wege aufgezeigt, um auf Menschen zuzugehen. So haben wir durch den Einsatz von neuen digitalen Formaten und deren Verbreitung über die sozialen Medien teilweise ganz andere Personengruppen erreichen können. Ich war erstaunt, wie viele auch ältere Menschen wir durch die Livestreams oder Youtube-Videos erreichen konnten. Ich wünsche mir, dass wir als Kirche auch weiterhin diesen digitalen Weg beschreiten werden.

Während der Corona-Krise habe ich spüren können, dass viele Menschen in Deutschland neu nach dem Sinn des Lebens, ihres Lebens gefragt haben. Viele haben wieder an Gott gedacht, das Beten neu für sich entdeckt oder begonnen, die Bibel zu lesen. Ich denke, dass die vermehrte Beschäftigung mit sinnstiftenden Dingen von vielen Menschen als sehr angenehm empfunden wurde.

Dozentin Dr. Laura Büttgen (c) Laura Büttgen
Dozentin Dr. Laura Büttgen

Das Interview führte Frau Dr. Laura Büttgen, Dozentin im Bereich Kultur und Gesellschaft der Bischöflichen Akademie des Bistums Aachen am 24. Juli 2020.