In der inklusiven Öffnung liegen großartige Potenziale

Ein Tagungsbericht zur Online-Veranstaltung "Museum postkolonial" vom 25.06.2021

Kulturelles Erbe der gesamten Menschheit (c) Naseer Alshabani
Kulturelles Erbe der gesamten Menschheit
Datum:
Do. 1. Juli 2021
Von:
Thomas Hohenschue

Wie lassen sich Museen postkolonial ausgestalten? Aachener Online-Tagung leuchtete die vielen Aspekte dieses weitreichenden Themas aus

Wie weit prägt die koloniale Zeit noch das Deutschland im Jahr 2021? Diese Debatte nimmt merklich an Fahrt auf. Viele Einrichtungen machen sich auf den Weg, das koloniale Erbe in ihren Inhalten, Strukturen und Abläufen zu erkennen. Das ist der erste Schritt, bevor nachfolgende Veränderungen helfen, diskriminierende Mechanismen und Muster zu überwinden und damit das Tor zu einer wahrhaft inklusiven Gesellschaft aufzustoßen.

Das gilt auch für Kunst- und Geschichtsmuseen. Sie sind geradezu prädestiniert, um zu lernen, wie weit der Weg ist, der gemeinsam gegangen werden muss. Das machte eine Online-Tagung des Bündnisses „Aachen postkolonial“ am 25. Juni 2021 deutlich. Mit an Bord zwei ausgewiesene Expertinnen: Prof. Dr. Anna Greve, Kunsthistorikerin und Direktorin des Focke-Museums, Bremer Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, und Dr. Mahret Ifeoma Kupka, Kuratorin für Mode, Körper und Performatives am Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main.

Bei der Herausforderung, Museen postkolonial zu gestalten, geht es bei weitem nicht nur darum, den Bestand in Dauerausstellungen und Depots daraufhin zu durchforsten, ob Exponate unrechtmäßig erworben wurden. Diese Frage steht häufig im Vordergrund, verbunden mit dem Streitpunkt, ob Kunst und Kultur der gesamten Menschheit gehöre oder nicht doch den Gesellschaften, denen sie gewaltsam gestohlen wurden. Die Alternative, vor die Museen gestellt werden, lautet zugespitzt: zurückgeben oder nicht, sichtbar lassen für ein privilegiertes Weltbürgertum oder zugänglich machen für die Ursprungsgesellschaften, in denen die Exponate entstanden?

Die Aufgabe ist aber größer als das, unterstrichen die beiden Expertinnen. Sie umfasst alle Aspekte des musealen Alltags. Der wichtigste Schlüssel zur Veränderung ist die Personalpolitik: Muss es weiter so sein, dass Schwarz gelesene Menschen vorrangig im Reinigungspersonal zu finden sind, während weiß gelesene Menschen die Ausstellungen planen, die in den Räumen und Fluren stehen, die sie putzen? Die Barrieren im Schulwesen, in der Ausbildung, an den Universitäten sind hoch, sie schrecken talentierte Menschen ab, die mit Startschwierigkeiten kämpfen. Und selbst auf den letzten Metern, bei der Einstellungspraxis vieler Häuser, greifen noch ausschließende Muster. Museen gehen über diesen exklusiven Mechanismus große personelle Potenziale verloren.

Überhaupt kam es Prof. Dr. Anna Greve und Dr. Mahret Ifeoma Kupka auf einen Wechsel der Perspektive an: Es geht bei der Debatte um eine postkoloniale Ausgestaltung von Museen nicht vorrangig um die Beseitigung von Defiziten, um die Zuweisung von Schuld, um Bloßstellung von Diskriminierung und Diskriminierenden. Der Fokus liegt vielmehr auf dem Erkennen der Chancen und Potenziale, die in einer inklusiven Öffnung der Museen liegen: für die deutsche und die jeweilige regionale und städtische Gesellschaft einerseits, aber auch für die Häuser, die Verantwortlichen und Ausstellungsmachenden andererseits. Alle Beteiligten profitieren, die Zukunftsfähigkeit wird gestärkt, das Zusammenleben und Zusammenarbeiten fühlt sich besser und reicher an.

Beispiele unterstreichen, wie weit das geht: Die kollegiale Reflexion einer Dauerausstellung durch alle Mitarbeitenden, inklusive schwarz gelesenem Reinigungspersonal. Eine kritische Prüfung der Werbemittel für eine Ausstellung durch eine afrikanische Community. Eine ästhetische Betonung der Diversität, bis hin zur Provokation von Teilen der Mehrheitsgesellschaft, im Sinne des Diskurses. Aber auch: Neuartige, belebende Zuschnitte von Ausstellungen jenseits eingetretener Pfade. Die Nutzung der musealen Räume für ein Festival der Kulturen. Und und und. Dem Ideenreichtum sind, wenn man sich einmal dem Kosmos der internationalen Kulturen nicht alleine aus der weißen Warte nähert, keine Grenzen gesetzt. Und auch die Schere der Machbarkeit im Kopf ist weiter als gedacht.

Alles steht und fällt mit dem Personal. Auf diese Quintessenz kam die Fachtagung immer wieder zurück. Mit den viel zitierten 360-Grad-Agenten für kulturelle Vielfalt alleine ist es nicht getan, es mutet ihnen auch zuviel zu. Im Gegenteil verlieren die Einrichtungen Zeit und Kraft, wenn alle Diversitäts- und Inklusionsmühen an diese Personen delegiert und abgeschoben werden. Der Wandel kommt durch alle Personen, die sich im Museum engagieren, sei es im Zuge eines Praktikums, sei es in der Ausbildung, sei es in der festen Anstellung. Eine Öffnung auf diverse Gruppen, auf Schwarze und People of Colour hin, kommt nicht von alleine. Barrieren gilt es zu überwinden – nicht nur der betreffenden Personen, sondern auch der Häuser selbst. Sie müssen verstehen, wie sperrig sie sind. Das geht am besten durch Zuhören. Miteinander offen reden, neugierig sein, wirklich lernen wollen – so kann es klappen.

Info

Veranstaltungshintergrund:

Die Veranstaltung „Museum postkolonial“ am 25. Juni 2021 wurde moderiert von Serge Palasie, Fachpromoter Flucht, Migration und Entwicklung NRW, Eine Welt Netz NRW e.V. Eingebettet war sie in die Reihe „Aachen postkolonial. Verbindungen. Verflechtungen. Nachwirkungen.“ des Bündnisses „Aachen postkolonial“.

Als institutionelle Träger engagieren sich dort Bischöfliche Akademie des Bistums Aachen, VHS Aachen/Projekt NRWeltoffen und Pädagogisches Zentrum Aachen. An der Reihe arbeiten konzeptionell und inhaltlich Dr. Laura Büttgen, Bischöfliche Akademie, und Susanne Bücken, Café Zuflucht, mit. Die Schirmherrschaft hat Sibylle Keupen als Aachener Oberbürgermeisterin übernommen.

 

Bild:

Das Bild „Kulturelles Erbe der gesamten Menschheit?“ ist von Naseer Alshabani aus der Ausstellung „Sichert(e) sich auch unser Land einen Platz an der Sonne? Der lange Schatten der deutschen Kolonialzeit“.

 

Wording:

Erklärung zu den Begriffen "Schwarze/People of Color (PoC)" aus dem Glossar für Neue Deutsche Medienmacher:

https://glossar.neuemedienmacher.de/glossar/kategorie/01-wer-sind-wir/filter:s/

 

Erklärung des Begriffs "Weiße Deutsche" aus dem Glossar für Neue Deutsche Medienmacher:

https://glossar.neuemedienmacher.de/glossar/kategorie/01-wer-sind-wir/filter:w/