„Leben heißt mit Anforderungen und Veränderungen umzugehen.“

Ein Interview mit Frau Verena Liebers, Biologin und freiberufliche Schriftstellerin

Wolkenballett (c) Wolkenballett (V. Liebers)
Wolkenballett
Datum:
Mo. 7. Dez. 2020
Von:
Laura Büttgen

Wir fragen Menschen aus dem Bistum Aachen, die mit der Bischöflichen Akademie in Verbindung stehen, wie sie mit der Corona-Krise umgehen. Vor welchen Herausforderungen stehen sie? Und wie wollen sie diese bewältigen?

Verena Liebers (c) T.Dombrowski
Verena Liebers

Verena Liebers ist promovierte Biologin und freiberuflich als Schriftstellerin tätig (Lyrik, Kurzgeschichten, Romane). Sie ist seit 1990 wissenschaftliche Mitarbeiterin am IPA - Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), Institut der Ruhr-Universität Bochum, Kompetenzzentrum Allergologie/ Immunologie. In Ihrer Freizeit entwickelt sie gemeinsam mit Profis und Amateuren aus ihren Texten szenische Lesungen mit Musik und Tanz. Auf diese Weise ist "VIGLis Wanderbühne" entstanden, die ihre Texte nicht nur in Buchhandlungen, sondern auch in Waschsalons, auf Leuchttürmen und in Parks zum Leben erweckt.

 

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf Ihre alltägliche Arbeit aus?

Als Wissenschaftlerin beschäftigen mich Hygienekonzepte und Fragen zum Immunsystem mit neu geschärftem Blick. Als Schriftstellerin finden meine Schreibzeiten öfter zu Hause statt und nicht in der Bahn. Außerdem ist meine Terminplanung viel kurzfristiger geworden. Das ist anstrengend und erleichternd zugleich, denn es war doch auch vor der Krise schon eine trügerische Sicherheit weit über Jahresfrist vorauszuplanen.

 

Verena Liebers (c) M.Stuka
Verena Liebers

Was bedeutet Corona für Ihre Poesie / für Ihr künstlerisches Schaffen?

Wenig. Die Natur und die Ambivalenz des Menschen waren zuvor schon Stoff meiner Texte und sind es noch. Die Natur hat sich ja nicht gewandelt, nur hat sie uns die Begrenztheit unseres Wissens und unserer Macht einmal mehr sehr deutlich vor Augen geführt.

 

Inwiefern wird es die Zukunft Ihrer Arbeit (-sweise) beeinflussen?

Meine poetische Arbeit lebt sehr mit und von dem Gegensatz von Gemeinschaft und Einsamkeit. Ich brauche beides. Ruhe und Rückzug, um zu denken und zu schreiben, aber natürlich auch Begegnung und Miteinander als Inspiration und um mich wieder zu erden. Die Unsicherheit, die aktuell viele Menschen betrifft, wird sicher auch Thema meiner Gedichte werden. Aber auch das, war ja vorher schon da: Meinen Text „Wieviel Unsicherheit halten wir aus?“ habe ich zum Beispiel lange vor der Corona-Krise geschrieben. Man liest ihn jetzt aber noch einmal mit neuen Augen. Zudem wird das Vorantreiben von Homeoffice und digitalen Möglichkeiten meine Arbeit auch langfristig verändern. Theaterproben und Lesungen per Video haben durchaus einen eigenen Charme, der als Ergänzung zu Live-Formaten sinnvoll ist und ganz neue Formen ermöglicht.

 

Verena Liebers (c) M.Stuka
Verena Liebers

Sehen Sie auch eine Chance in der Krise?

Diese Krise hat viele Missstände in kurzer Zeit deutlich gemacht, seien es alte Schulgebäude, Massentierhaltung, Pflegenotstand oder die Bedeutung sachgerechter Information. Unbequeme Wahrheiten werden ja gerne ausgeblendet und es bleibt zu hoffen, dass wir insgesamt in der Krise etwas mehr Demut und Bescheidenheit gelernt haben und nun solche Themen wie zum Beispiel Klimawandel ernst nehmen, auch wenn die Bedrohung scheinbar nicht so direkt spürbar ist wie eine Viruskrankheit. Ich hoffe auch, dass Reisen und vor allem Flugreisen künftig mit größerem Bedacht durchgeführt werden. Vieles lässt sich gerade im beruflichen Alltag durch Videokonferenzen ersetzen. Auch hat das Fahrrad in der Krise zu Recht großen Zuspruch erfahren, gerade innerstädtisch ist es einfach ein geniales Fortbewegungsmittel und das keinesfalls erst, wenn es einen Elektromotor hat. Natürlich hoffe ich auch, dass es mehr Menschen gibt, die dem Buch einen neuen Wert abgewinnen, denn Literatur bietet auch in Quarantänezeiten Weite und Freiheit. Insgesamt konzentriere ich mich aber nicht auf die Vor- oder Nachteile der Krise, sondern versuche jeden Tag und jeden Text bestmöglich zu gestalten. Leben heißt mit Anforderungen und Veränderungen umzugehen. Niemand hat behauptet, dass das leicht ist.

 

Am 3. Februar 2021 von 17.30 bis 19.00 Uhr wird Frau Liebers eine Online-Lesung zu Ihrem neu erschienen Poesieband "Wolkenballett, Poesie der Begegnung", erschienen im August 2020 (dahlemer verlagsanstalt, Berlin), halten.

 

Anmeldungen sind hier möglich:

Dozentin Dr. Laura Büttgen (c) Laura Büttgen
Dozentin Dr. Laura Büttgen

 

Das Interview führte Frau Dr. Laura Büttgen, Dozentin im Bereich Kultur und Gesellschaft der Bischöflichen Akademie des Bistums Aachen im Dezember 2020.