MHG Studie - Missbrauchsstudie

Kritische Nachfrage zu den Konsequenzen aus der "Studie zum sexuellen Missbrauch von Minderjährigen durch Kleriker der kath. Kirche"

05 Dr. Reisinger, Generalvikar Dr. Frick, Dr. Bongartz , Frau Schiffers (c) BAK
05 Dr. Reisinger, Generalvikar Dr. Frick, Dr. Bongartz , Frau Schiffers
Di 12. Nov 2019
Dr. Christiane Bongartz

Vor einem Jahr erschütterten Forscher die katholische Welt in Deutschland. Die MHG-Studie legte massenhaften Missbrauch von Minderjährigen durch Kleriker offen und benannte systemische Ursachen. Welche Konsequenzen die Kirche aus dieser Analyse zieht, steht seitdem im Zentrum von erbittert geführten Debatten. Diese erstrecken sich auch auf das Gebiet und die Zuständigkeit der Diözese Aachen. Jetzt war die Zeit für eine Zwischenbilanz. Wir von der Bischöfliche Akademie des Bistums Aachen begrüßten dazu Generalvikar Dr. Andreas Frick, aus seinem Stab Alexandra Schiffer und als bundesweit bekannten Gast Dr. Doris Reisinger. Rund 90 Besucherinnen und Besucher verfolgten in unserem Haus eine vielschichtig geführte Auseinandersetzung mit dem hiesigen Stand der Aufarbeitung, Prävention und strukturellen Konsequenzen. Klare Worte, abstrakte Formeln und emotionale Reaktionen standen nebeneinander. Anders geht es wohl kaum angesichts der Gemengelage von Motiven, Interessen, Perspektiven und Haltungen, die das Thema prägen. Mehr dazu in unserer Bilderstrecke, bitte fangen Sie beim ersten Bild an. 

Fotos: Thomas Hohenschue

Beitrag Dr. Bongartz

01 christiane bongartz (c) BAK
01 christiane bongartz

In der katholischen Kirche herrsche ein Deutungskampf um die Schlussfolgerungen aus der MHG-Studie, sagte einleitend Akademiedirektorin Dr. Christiane Bongartz. Die Forscher hätten nachgewiesen, dass der erhobene sexuelle Missbrauch nicht das Fehlverhalten Einzelner darstelle, sondern die Kirche als Institution riskante Strukturmerkmale in sich trage. Die Prüfaufträge der Studie nach einem Jahr auf Wiedervorlage - so der Titel des Abends - gelegt zu haben, erwies sich als richtig. Zum Schluss sagte Bongartz zu, dass in gut einem halben Jahr in der Bischöfliche Akademie des Bistums Aachender nächste Blick auf den Stand der Aufarbeitung geworfen werde, wenn konkrete neue Ergebnisse für das Gebiet der Aachener Diözese vorliegen. Zu den Akten legen werde man das Thema nicht, unterstrich die Akademiedirektorin.

Beitrag Dr. Doris Reisinger

02 doris reisinger (c) BAK
02 doris reisinger

Keinesfalls zufrieden mit der Zwischenbilanz nach einem Jahr MHG-Studie zeigte sich Dr. Doris Reisinger. Die Bischöfe zeigten in ihrer Ganzheit wenig Interesse, die systemischen Ursachen anzupacken. Zwar hätten sie, was die kirchenrechtlichen Normen angeht, häufig keinen Spielraum. Andererseits könnten sie ja zumindest aufhören, diese Prinzipien zu verteidigen, und so die Notwendigkeit der Änderung auf allen Ebenen deutlich machen, also auch in Rom. Ein so stark hierarchisches, in der Legitimation unzeitgemäßes, nicht kontrolliertes System sei unweigerlich gefährlich, es sei anfällig für Missbrauch. Dr. Reisinger weitete den Blick: Es gehe nicht alleine um sexuellen Missbrauch, sondern auch um geistlichen und spirituellen Missbrauch. Den Ausweg aus der Existenzkrise der Kirche sieht sie darin, dass die Selbstbestimmung der Menschen als zentraler Wert Einzug in die kirchliche Verfasstheit zieht. Dass immer mehr Bischöfe, Generalvikare, Priester, aber auch andere kirchliche Mitarbeiter und Gläubige die Angst verloren, die Veränderung einzufordern, gibt der ehemaligen Ordensschwester, die selbst Missbrauch erlitten hat, Hoffnung. Nicht jeder im Saal teilte diese Hoffnung oder die Geduld, auf die Umsetzung der Vision (weiter) zu warten.

Beitrag Alexandra Schiffers

03 alexandra schiffers (c) BAK
03 alexandra schiffers

Alexandra Schiffers, Referentin für die strategische Aufarbeitung der MHG-Studie im Bistum Aachen, führte systematisch in die Ergebnisse der Forscher ein. Drei Grundmuster seien bei den Tätern erkennbar: eine mögliche pädophile Präferenzstörung, ein soziopathischer, inadäquater Machtmissbrauch, eine defizitäre persönliche und sexuelle Entwicklung. Zur Zwischenbilanz äußerte sie sich ebenfalls. Den Eindruck, dass die Aufarbeitung nur im Schneckentempo verlaufe, teilte sie nicht. Ein größerer Teil dessen, was passiere, gehöre nicht an die Öffentlichkeit, persönliche Gespräche mit Betroffenen zum Beispiel.

Beitrag Generalvikar Dr. Andreas Frick

04 andreas frick (c) BAK
04 andreas frick

Generalvikar Dr. Andreas Frick kam mit der Botschaft, dass die Kirche im Bistum Aachen, vernetzt mit den anderen NRW-Diözesen, sich kräftig in der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs engagiere. Inzwischen seien 83 originale Personalakten einer unabhängigen externen Kanzlei übergeben worden, insgesamt 31.000 Seiten Papier. Die Anwälte würden eigenständig und frei allen Indizien nachgehen, weitere Ermittlungen anstellen, um mögliche Missbrauchssituationen und -taten aufzudecken. Im Frühsommer 2020 sollen die Ergebnisse vorgestellt werden, ebenfalls nicht gefiltert und gesteuert durch die Diözese. Was herauskomme, wisse er nicht, bekannte Dr. Frick, und deutete zugleich an: Es könnte sein, dass nach den externen Untersuchungen die Bistumsgeschichte umgeschrieben werden müsste.

Talkrunde

05 Dr. Reisinger, Generalvikar Dr. Frick, Dr. Bongartz , Frau Schiffers (c) BAK
05 Dr. Reisinger, Generalvikar Dr. Frick, Dr. Bongartz , Frau Schiffers

In einer abschließenden Talkrunde erörterten die drei Protagonisten Fragen des Publikums. Dabei traten deutliche Differenzen in der Einschätzung auf, wie stark eine Mitsprachekultur, wie sie Dr. Doris Reisinger für die Kirche einfordert, tatsächlich schon gelebt wird. Der Bedarf an Veränderung wurde durchaus von allen bejaht, aber in welche Richtung das Schiff steuert, wie weit es sich von bisherigen Strukturen löst, neue Räume für selbstbestimmte Spiritualität erschließt, blieb völlig offen. Wie viele institutionelle Regeln muss es geben, welche Ämter, aber wie stark müssen diese auch Mechanismen der Gewaltenteilung und Machtkontrolle aufnehmen? Es bleibt viel zu besprechen, um zu einer Kirche zu kommen, die vielen Formen von Glaube und Spiritualität konfliktfrei eine Heimat bietet. Ohne Änderung des Kirchenrechts - so eine Kernaussage des Abends - sind substanzielle Fortschritte in der Beseitigung systemischer Ursachen für Missbrauch wohl eher nicht zu erwarten.

Text und Bilder: Thomas Hohenschue