„Wertschätzung bedeutet Zuhören“

Ein Interview mit Margot Kranz, Leiterin der TelefonSeelsorge in Düren, Heinsberg, Jülich

(c) Pixabay
Datum:
Mo 3. Aug 2020
Von:
Laura Büttgen

Wir fragen Menschen aus dem Bistum Aachen, die mit der Bischöflichen Akademie in Verbindung stehen und die in der Corona-Krise Großes leisten, wie sie in diesen Zeiten Wertschätzung erfahrbar machen. Wir lassen Menschen zu Wort kommen, die in der (Telefon-)Seelsorge, im Sozialwesen, in der Palliativmedizin und in Gemeinden arbeiten und Rat- und Hilfesuchenden, sozial Benachteiligten, Patient/innen,Trauernden und Gläubigen besonders in der Krise viel Wertschätzung entgegen bringen. Wie schaffen sie es, die Krisenzeit für andere Menschen weniger leidvoll zu machen?

Wir wollen verschiedene Perspektiven zum Thema Wertschätzung in Zeiten von Corona zur Sprache bringen und neue Formen des sozialen Miteinanders entdecken.

Margot Kranz (c) Margot Kranz
Margot Kranz

Frau Kranz ist als diplomierte Sozialpädagogin, Supervisorin und Leiterin der TelefonSeelsorge Düren, Heinsberg und Jülich, zuständig für über 55 qualifizierte ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

 

Inwiefern hat die Corona-Krise Ihre alltägliche Arbeit beeinflusst?

Zu Beginn der Krise ist das Bedürfnis der Menschen zu Telefonieren sehr stark angestiegen. In unseren Statistiken haben sich die zusätzlichen Gespräche ebenfalls niedergeschlagen, sodass wir 100 bis 200 Anrufe mehr pro Monat verzeichnen konnten. Es waren Personen, die ein großes Bedürfnis hatten, ihre Sorgen und Nöte zu teilen, weil sie sich in ganz schwierigen Situationen befanden.

Bei einigen Hilfesuchenden, die alleine leben und sonst eventuell keine Ansprechpartner/innen haben, war eine große Verunsicherung zu spüren. Es wurden Fragen zu Fakten gestellt zum Virus, zur Ausbreitung und Ansteckung, oft gepaart mit der Angst vor Kontakten sowie gleichzeitig mit der Angst vor langwieriger Einsamkeit. 

Die TelefonSeelsorge bietet diesen Personen die Möglichkeit, sich anvertrauen zu können, noch einmal eine Stimme zu hören, eine direkte Ansprechparterin oder einen direkten Ansprechpartner zu finden.

Zum Beispiel mit Blick auf die Region Heinsberg, hatten wir auch Anrufe von Personen, die große Angst hatten sich zu infizieren und stigmatisiert zu werden. Es waren Personen, die beispielsweise ihre Angehörigen nicht im Krankenhaus oder im Altenheim besuchen konnten und mit wirklich existenziellen Ängsten und Nöten konfrontiert waren. Diesen Menschen haben wir versucht einen geschützten Raum zu bieten.

Unser Ziel war es, die Sorgen und Nöte der Personen zu teilen, denen die psychischen Veränderungen durch Corona, wie Distanz halten, nur eingeschränkte Kontaktmöglichkeiten,etc. sehr zugesetzt haben. Es gab aber auch Personen, die anriefen und verunsichert waren, ob in dieser Ausnahmesituation ihr Problem überhaupt „groß“ genug war. In dieser Situation versucht die TelefonSeelsorge Hürden zu nehmen und jeder/jedem Hilfesuchenden Wertschätzung entgegenzubringen.

 

Sie sprechen von „Wertschätzung“: Was verstehen Sie unter diesem Begriff?

Als Telefonseelsorge versuchen wir mit den Personen und den Gesprächsthemen in dem zeitlichen, situativen und örtlichen Rahmen der uns gegeben ist, behutsam, respektvoll und wertschätzend umzugehen. Was heißt das konkret? Wertschätzung ist der Umgang miteinander, wie wir mit uns selbst umgehen und wie wir für uns selbst Wertschätzung empfinden. Wenn ich Wertschätzung selbst nie erfahren habe, dann ist es schwer Wertschätzung zu geben und zu zeigen. Wertschätzung bedeutet sowohl die Selbstachtung der eigenen Position gegenüber als auch die Achtung vor dem Anderen. Auf die Telefonseelsorge bezogen bedeutet dies: Ich höre erst einmal dem Anderen zu. Es gilt das Gesagte nicht direkt zu bewerten und zu beurteilen, sondern sich darin zu üben, möglichst offen dem Anderen zu begegnen.

 

Wie setzen Sie wertschätzendes Handeln um?

Als Leiterin der Telefonseelsorge und als Supervisorin ist es mir wichtig, Präsenz im Gespräch zu zeigen und als Unterstützung für unsere Mitarbeitenden da zu sein, das bedeutet in Krisenzeiten besonders achtsam und aufmerksam sein, ein Vorbild zu sein und den wertschätzenden Umgang modellhaft im Team der Telefonseelsorge zu praktizieren. Der wertschätzende und respektvolle Umgang mit den Anrufenden und miteinander ist nicht nur das Lernziel innerhalb der einjährigen Ausbildung zur ehrenamtlichen Seelsorgerin bzw. zum ehrenamtlichen Seelsorger, sondern er beruht auch auf den christlichen Werten der Telefonseelsorge, die ökumenisch getragen ist.

 

Wie kann man sich die Ausbildung zur ehrenamtlichen Seelsorgerin bzw. zum ehrenamtlichen Seelsorger vorstellen?

In der Ausbildung erlernen die Teilnehmenden im ersten Halbjahr mit dem Thema „Selbsterfahrung“ umzugehen, das heißt das Kennenlernen und Reflektieren über das Erleben und Agieren der eigenen Person (Selbst), zum Beispiel in herausfordernden Situationen. Wie geht man mit Problemen/Krisen um? Wie lerne ich mich selbst zu reflektieren und im Gespräch mit Hilfesuchenden das Gesagte vom Selbsterlebten zu differenzieren?

Im zweiten Halbjahr werden verschiedene Modelle und Techniken zur „Zuwendenden Gesprächsführung“, zum Beispiel durch Rollenspiele, erlernt. Wie kann ich Gespräche authentisch und gut führen?

Das Ergebnis der Ausbildung ist oft, dass diese neben einer Qualifizierung auch viel zur Persönlichkeitsbildung beiträgt. Man wird offener und hört eher zu, denn Wertschätzung bedeutet Zuhören.

 

In der Schreibweise von Ihrer Institution „TelefonSeelsorge Düren-Heinsberg-Jülich“ fällt auf, dass Sie optisch die Seelsorge hervorheben wollen. Was wollen Sie damit ausdrücken?

Der Anspruch unserer Telefonseelsorge ist, Personen, die in Not sind und bei uns anrufen, anonym, kompetent und rund um die Uhr ein direktes Gespräch oder einen Mailkontakt anzubieten. Unsere gut ausgebildeten Ehrenamtlichen sind Seelsorger. Sie öffnen sich und wortwörtlich ihr „Ohr und Herz“. Als TelefonSeelsorge wollen wir der Seele dieser Menschen einen Raum geben. Uns ist es wichtig zu vermitteln, dass die/der Anrufer/in als Person es Wert ist, gehört zu werden, dass wir sie und ihre Empfindungen, ihre Gefühle ernst nehmen. Die Anrufenden bekommen keine direkten Lösungsansätze geliefert, sondern sie bekommen Hilfestellungen angeboten, Experte ihrer eigenen Situation zu bleiben und zu werden und im Idealfall selbst zu einer Lösung oder Lösungsstrategie zu kommen.

Um dem anderen genügend Raum zu geben, sind psychologisches und pädagogisches Hintergrundwissen hilfreich und die Schulung der eigenen Haltung, wachsam zu sein für das Beziehungsgeschehen im Gespräch.

Dabei sollten die Mitarbeitenden mit den Sorgen der anderen nicht alleine sein. Daher ist mir Verbundenheit im Team wichtig, sowie das Signal, dass wir die Sorgen, Nöte und Probleme anderer gemeinsam tragen.

 

Stichwort: „Rückkehr zur Normalität“: Wenn Sie nun mit etwas Abstand auf die Corona-Krise blicken, welchen Vergleich können Sie zwischen der akuten Anfangsphase und der aktuellen Phase ziehen? Welche Änderungen sind durch die momentanen Regellockerungen innerhalb der Telefongespräche und im Team der Telefonseelsorge erkennbar?

Allgemein lässt sich sagen, dass sich die Themenfelder und Personengruppen der Anrufenden ausgeweitet haben. Zur Zeit rufen Menschen verstärkt nach Dienstschluss an, weil sie Druck und Stress am Arbeitsplatz erleben. Wir haben auch Anrufe von Alleinerziehenden mit einem oder mehreren Kindern, mit Sorgen um die Vereinbarkeit von Kinderbetreuung und ihrer Arbeitssituation. Es gibt jedoch auch Anrufe von Arbeitgebern kleinerer Betriebe, die mittlerweile immer mehr von existenziellen Sorgen geplagt sind.

In der TelefonSeelsorge koordiniere ich die Dienste, die Aus- und Fortbildung sowie die Begleitung und Supervision der ehrenamtlich Mitarbeitenden. In der Supervision fiel mir auf, dass unsere Mitarbeitenden auch persönlich durch die Krise betroffen waren. Corona hat Raum für eigene Ängste geboten und einige hatten das Ende der Belastbarkeit, erreicht. In dieser Phase habe ich mich als Unterstützung für die Ehrenamtlichen und als Ansprechpartnerin für die Ängste der Mitarbeitenden gesehen. Infolgedessen war es mir wichtig, die regelmäßige Supervision, die normalerweise einmal pro Monat stattfindet, schnell in Form von Telefon- und Videokonferenzen technisch zu ermöglichen. Dies hat uns Raum für neue Erfahrungen geboten. Wir haben den Wert der Supervision, des Austausches und der Wertschätzung untereinander in einer neuen Intensität kennenlernen können.

 

Welche positiven Entwicklungen und Chancen sehen Sie in der Corona-Krise?

Als ganz Besonders hat sich in diesen Krisenzeiten die Solidarität untereinander im Team der TelefonSeelsorge erwiesen: Das ehrenamtliche Engagement war sehr hoch und es haben sich auch ehemalige ehrenamtliche Mitarbeiter/innen als Unterstützung zur Verfügung gestellt, sodass eine zweite Telefonleitung eröffnet werden konnte.

Als weitere positive Entwicklung und Chance für die Zukunft, empfinde ich den technischen Fortschritt innerhalb der Einrichtung, den ich vorhin schon beschrieb. Wir wollen unsere technischen Möglichkeiten weiterhin ausbauen und zum Beispiel Online-Schulungen, Rollenspiele und Supervisionen auch vermehrt digital anbieten. Natürlich ersetzen die digitalen Formate keinen direkten persönlichen Kontakt, aber Austausch und Vernetzung auf regionaler und nationaler Ebene sind auch auf diese Weise möglich und aus umweltpolitischer Sichtweise wichtig.

Um weiterhin aus dieser Krise lernen zu können, ist es wichtig, auch mit wissenschaftlichen Untersuchungen im Blick zu halten, inwiefern Corona unsere Art des sozialen Miteinanders und der Kommunikation verändert.

 

Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen und weiterhin alles Gute.

 

Dozentin Dr. Laura Büttgen (c) Laura Büttgen
Dozentin Dr. Laura Büttgen

Das Interview führte Frau Dr. Laura Büttgen, Dozentin im Bereich Kultur und Gesellschaft der Bischöflichen Akademie des Bistums Aachen am 16. Juli 2020.