Wertschätzung bedeutet für mich „Ich sehe dich“

Ein Interview mit Herrn Professor Dr. Roman Rolke, Direktor der Klinik für Palliativmedizin des Universitätsklinikums Aachen.

Geschärfte Wahrnehmung (c) Pixabay
Geschärfte Wahrnehmung
Datum:
Di. 20. Okt. 2020
Von:
Laura Büttgen

Wir fragen Menschen aus dem Bistum Aachen, die mit der Bischöflichen Akademie in Verbindung stehen und die in der Corona-Krise Großes leisten, wie sie in diesen Zeiten Wertschätzung erfahrbar machen. Wir lassen Menschen zu Wort kommen, die in der (Telefon-)Seelsorge, im Sozialwesen, in der Palliativmedizin und in Gemeinden arbeiten und Rat- und Hilfesuchenden, sozial Benachteiligten, Patient/innen,Trauernden und Gläubigen besonders in der Krise viel Wertschätzung entgegen bringen. Wie schaffen sie es, die Krisenzeit für andere Menschen weniger leidvoll zu machen?

Wir wollen verschiedene Perspektiven zum Thema Wertschätzung in Zeiten von Corona zur Sprache bringen und neue Formen des sozialen Miteinanders entdecken.

Prof. Dr. Roman Rolke (c) Prof. Dr. Roman Rolke
Prof. Dr. Roman Rolke

Herr Professor Rolke ist Direktor der Klinik für Palliativmedizin des Universitätsklinikums Aachen sowie engagiert im Palliativen Netzwerk für die Region Aachen e.V..

Wie erging es Ihnen in den letzten Wochen? Inwiefern hat die Corona-Krise Ihre alltägliche Arbeit beeinflusst?

In den letzten Wochen ging es dem ganzen Team und mir gut. Natürlich war meine Sorge groß, dass meine Mitarbeiter*innen oder ich selbst uns in der Versorgung von Patient*innen am Ende des Lebens infizieren und das Virus somit weitertragen könnten. Jedoch bestand bisher keine ernste Gefahr, zumal wir durch den Mundschutz, eine permanente Händedesinfektion, dem Abstand halten und dem Verzicht sich die Hand zu geben, erhöhten Hygiene- und Sicherheitsstandards, die in Krankenhäusern gewahrt werden, ausgesetzt waren und sind. Dies fiel uns zwar teilweise schwer, da wir besonderen Wert auf Nähe und die Beziehung zu unseren Patient*innen legen. Jedoch war besonders auffallend, dass wir sonst auch gesünder waren und keiner bemerkenswert krank geworden ist, was Erkältungen betrifft.

Die Patienten in der Klinik für Palliativmedizin haben wir weiterhin fast normal versorgen können. Infizierte sind nicht auf unsere Station gekommen, sodass wir uns weiterhin auf die Begleitung am Lebensende konzentrieren konnten. Wichtig ist auch zu wissen, dass nicht jeder, der in unsere Klink kommt auch stirbt. Einige gehen entweder ins Hospiz oder können nach Hause zurückkehren, um dort gepflegt zu werden.

Ganz besonders hervorheben möchte ich die Zusammenarbeit in der Corona-Krise im Palliativen Netzwerk für die Region Aachen e.V.. Es besteht unter anderem aus der Altenhilfe, der Eingliederungshilfe, den palliativen und hospizlichen Diensten der Städteregion. Wir hatten von Beginn der Corona-Krise an einen engen Kontakt untereinander und es war ein ganz anderes Ausmaß an Solidarität spürbar.

Im privaten Umfeld ist es mir auch gut ergangen. Weniger Mobilität hat zu einer Entschleunigung geführt und mir dabei geholfen, mich auf das zu konzentrieren, was wirklich wichtig ist. Dadurch sind neue Freiräume entstanden sind, die ich als positiv empfinde und die gut getan haben. Die vermehrte Nutzung der Videotelefonie und der Verzicht auf persönlichen Kontakt war zunächst gewöhnungsbedürftig, hat aber letztendlich zu der Entschleunigung beigetragen.

Thema „Wertschätzung“: Was verstehen Sie unter dem Begriff? Wie setzen Sie wertschätzendes Handeln um?

Ich finde den Begriff ganz zentral. Wenn ich über die Eingangstür der Palliativstation ein Wort schreiben müsste, um unser Konzept zu beschreiben, wäre es sicherlich „Wertschätzung“. Wertschätzung bedeutet für mich jedoch zugleich:„ Ich sehe dich“. Dies hat einen dualen Kontext, zum einen, einen anderen dafür anzuerkennen, was er ist und zum anderen, Dankbarkeit dem gegenüber entgegenzubringen, was er leistet.

Außerdem bedeutet es für mich, Wertschätzung für das eigene Team zu vermitteln, das multiprofessionell aufgestellt ist aus Ärzt*innen, Pflege, Psychologie, Sozialarbeit, Physiotherapie, weiteren Therapeuten und Ehrenamtler*innen etc.. Die Zusammenarbeit in der Corona-Krise hat uns in der Beziehung auch noch einmal richtig gut zusammengeführt. Uns allen ist es wichtig, die Begleitung von Menschen am Lebensende zu ermöglichen und anzuerkennen, was sich Menschen wünschen.

Gleichzeitig geht damit die Wertschätzung für die Patient*innen sowie deren Angehörigen einher, die sich uns anvertrauen und die auch bereit sind in ganz kurzer Zeit ganz viel zu leisten. Es kann mit Herausforderungen verbunden sein, sich auf psychotherapeutische Maßnahmen einzulassen, Vertrauen in die Palliativmedizin zu setzen und sich beispielsweise von Musiktherapie oder tiergestützter Therapie begleiten zu lassen.

Die Station für Palliativmedizin existiert jedoch nicht losgelöst, daher bringen wir unseren Partnern und auch anderen Abteilungen der Uniklinik Aachen ebenso unsere Wertschätzung entgegen. Wir sind in der Krise wirklich zusammengerückt. Auch in den letzten Wochen der „Entspannungsphase“, die dennoch aus einem starken Auf und Ab bestand, hat man gemerkt, dass wir den Wert am anderen erkannt haben und sich unsere Beziehungen gefestigt haben.

Wie haben Sie die Regellockerungen wahrgenommen?

Die damalige Situation der Regellockerungen war und ist weiterhin geprägt von Ambivalenzen, die sich beispielsweise vor allem bei den Verantwortlichen in der Altenhilfe der Städteregion gezeigt haben. Insofern war und ist es weiterhin umso wichtiger zu kommunizieren und zu verstehen, dass sich Bewohner, Angehörige und die Verantwortlichen in einem Dilemma befinden. Zunächst waren alle dankbar für das Besuchsverbot, weil Besucher das Virus ins Haus tragen könnten. Andererseits besteht dabei das Problem, dass sich der Gesundheitszustand von Menschen mit Demenz in der Zeit des Besuchsverbots verschlechtert hat, sie spürbar schneller kognitiv abbauen und vereinsamen. Da stellt sich die Frage: ist es vor diesem Hintergrund unwürdig Menschen bzw. Angehörige nicht besuchen zu dürfen? Die Lösungswege beschreiben ein Dilemma, da es nur eine Auswahl unter schlechten Lösungen gibt. Entscheidend sind dann Phasen niedriger Infektionsraten, in denen die Regeln gelockert werden können, da dann am wenigsten Schaden angerichtet werden kann. Daher sollten alle Menschen in der Bevölkerung auf Schutzmaßnahmen achten und auf den Schutz der Schwächsten (Behinderte, chronisch Kranke, Geschwächte, Alte etc.) Rücksicht nehmen, damit wir das Virus nicht unachtsam auf andere übertragen. Wie erstaunlich gut Vorsichtsmaßnahmen funktionieren, habe ich hier in meiner Klinik bemerkt. Vor Verlegung müssen alle Patient*innen einen Corona-Test machen, der bisher bei allen negativ ausfiel. Ich denke, wenn man in Sachen Hygiene vorsichtig miteinander umgeht, kann vieles wieder möglich sein.

Bei den Corona-Demos, wo auf Mundschutz und Abstand verzichtet wird, entsteht mir aus der Ferne der Eindruck, dass sich eine totale Fehlentwicklung vollzieht. Es muss doch eine Bürgerpflicht sein, bzw. es sollte eine entsprechende Verordnung geben, die dafür sorgt, dass man auf sich und die anderen achtet und man allen somit ein menschenwürdiges Leben bis hin zum Lebensende ermöglicht.

Welche Chancen sehen Sie in der Corona-Krise?

Wir haben alle enorm dazu gelernt, insbesondere was die digitale Kommunikation mit unseren Partnern in der Gesundheitsversorgung und in der Städteregion angeht. Wegstrecken sind weggefallen und wir haben uns verstärkt mittels Videotelefonie ausgetauscht. Ich habe festgestellt, dass dies auch Nähe geschaffen hat. Zum Beispiel haben wir innerhalb des Aachener Palliativen Netzwerks für die Städteregion überlegt: Wie geht es den wichtigen Akteuren und Entscheidungsträgern gerade? Was kann man tun, wie kann man sie unterstützten?

Aus diesen Überlegungen entstand beispielsweise ein Notfallplan zusammen mit 30 Autorinnen und Autoren der großen Krankenhäuser, Ärztekammern, Ärztehilfe und ambulanten Palliativ- und Hospizdiensten. Außerdem waren Notärzt*innen und Hausärzt*innen der Region, Personen der Alten- und Eingliederungshilfe und den Hospizen sowie Palliativabteilungen mit eingebunden. Gemeinsam haben wir diesen Notfallplan in einfacher Sprache zum Beispiel für die Alten- und Eingliederungshilfe entwickelt. Er richtet sich an Menschen mit kognitiven Einschränkungen, und soll ihnen im Notfall bei schwerer Krankheit dabei helfen, den eigenen Willen bestimmen zu können. In einem juristisch und medizinisch sorgfältig geprüften Text kann angekreuzt werden, ob man beispielsweise intensivmedizinische Behandlungen, Reanimation oder Intubation, zulassen möchte. Der Notfallplan ist nur mit Arztunterschrift gültig und soll als Ärztliche Anordnung für den Notfall verstanden werden.

Einen Fortschritt in der Digitalisierung haben wir auch in der medizinischen Lehre erreichen können, die für Studierende größtenteils auch digital stattfand. Es ist erstaunlich, wie gut es geklappt hat. Seit Corona hat sich viel verändert.

Ein weiteres Projekt, das bereits vorbereitet, aber noch nicht umgesetzt wurde, zielt auf eine angedachte Initiative mit etwa 300 engagierten Medizinstudierenden. Diese möchten wir abgestimmt mit dem Vorstand des Aachener Uniklinikums ansprechen, damit sie in verschiedenen Einsatzorten - wie der Altenhilfe der Städteregion - unterstützend mitwirken können. Im Trainingszentrum AIXTRA der RWTH Aachen hatten die Studierenden innerhalb eines Intensivtrainings erlernt, wie beispielsweise Beatmungsgeräte funktionieren. Wir hoffen, diese engagierten Studierenden in der nächsten Corona-Welle für die Unterstützung am Uniklinikum und darüber hinaus zu gewinnen, damit mit der Kraft vieler Menschen die Krise bewältigt werden kann.

Dozentin Dr. Laura Büttgen (c) Laura Büttgen
Dozentin Dr. Laura Büttgen

Das Interview führte Frau Dr. Laura Büttgen, Dozentin im Bereich Kultur und Gesellschaft der Bischöflichen Akademie des Bistums Aachen am 4. September 2020.