„Wertschätzung bedeutet für mich, den Menschen anzunehmen, wie er ist“

Ein Interview mit Roman Schlag, Fachreferent für Allgemeine Sozialberatung, Arbeitslosigkeit, Armut, Schuldnerberatung des Caritasverbandes für das Bistum Aachen.

Jemandem die Hand reichen (c) Pixabay
Jemandem die Hand reichen
Datum:
Mo 17. Aug 2020
Von:
Laura Büttgen

Wir fragen Menschen aus dem Bistum Aachen, die mit der Bischöflichen Akademie in Verbindung stehen und die in der Corona-Krise Großes leisten, wie sie in diesen Zeiten Wertschätzung erfahrbar machen. Wir lassen Menschen zu Wort kommen, die in der (Telefon-)Seelsorge, im Sozialwesen, in der Palliativmedizin und in Gemeinden arbeiten und Rat- und Hilfesuchenden, sozial Benachteiligten, Patient/innen,Trauernden und Gläubigen besonders in der Krise viel Wertschätzung entgegen bringen. Wie schaffen sie es, die Krisenzeit für andere Menschen weniger leidvoll zu machen?

Wir wollen verschiedene Perspektiven zum Thema Wertschätzung in Zeiten von Corona zur Sprache bringen und neue Formen des sozialen Miteinanders entdecken.

Roman Schlag (c) Roman Schlag
Roman Schlag

Herr Schlag ist als diplomierter Sozialarbeiter sowohl in der Aus- und Fortbildung von Berater/innen, als auch als Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände auf Bundesebene (AG SBV) tätig.

 

Wie erging es Ihnen in den letzten Wochen? Wie erleben Sie die momentanen Regellockerungen?

Die Ausbreitung des Corona-Virus bzw. Covid19 war für mich ein Schrecken. Für uns im Diözesancaritasverband war sehr schnell klar, dass ein Lockdown durchgeführt werden muss und wir ins Homeoffice wechseln sollten. Auch das war für mich eine Form von Respekt den Kolleginnen und Kollegen, vor allem im Gesundheitswesen, gegenüber, einen Beitrag zum Schutz der eigenen Gesundheit zu leisten.

Was die Verbreitung des Virus angeht, war und bin ich selbst etwas beunruhigt, da doch klar wird, dass auch gesunde Menschen, die keiner Risikogruppe angehören, gefährdet sind. Die Regellockerungen, die Öffnungen und der lockerere Umgang miteinander besorgen mich daher auch. Im beruflichen Kontext haben die Regellockerungen eher geringe Auswirkungen; wir arbeiten jetzt wieder unter der Einhaltung von Abstands- und Hygienevorschriften im Büro.

Inwiefern hat die Corona-Krise Ihre alltägliche Arbeit beeinflusst?

Die Arbeit im Homeoffice war für mich neu. Ich war teilweise sehr angespannt, es war eine unruhige Zeit. Als Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände auf Bundesebene und im Bereich Arbeitsmarktpolitik wurde ich mit vielen gesetzgeberischen Fragen, zum Beispiel zur Corona-Hilfe, konfrontiert. Plötzlich wurden ganz viele Dynamiken in gesetzgeberischen Verfahren in Gang gesetzt, die dazu führten, dass Abstimmungsprozesse auf Landes- und Bundesebene schneller getroffen worden sind. Diese neuen Dynamiken in Entscheidungs- und Abstimmungsprozessen, die beispielsweise durch den Einsatz von Videokonferenzen angetrieben wurden, habe ich als sehr positiv empfunden.

In der Hochzeit der Corona-Krise hat man auf politischer Ebene bemerkt, dass die Politik darauf bedacht war, auch auf Gruppen Acht zu geben, die von Überschuldung, Zwangsräumung oder Arbeitslosigkeit bedroht sind. Die Freie Wohlfahrtspflege hat davon profitiert, weil die Politik wissen wollte, was los ist, um Maßnahmen abschätzen zu können. Sie hat das Regulativ von außen über Wohlfahrtsverbände hinaus gebraucht, um eine abgestimmte Meinung präsentieren zu können.

Wir konnten sehr schnell Positionen und gemeinsame Papiere erarbeiten, die in Monitoring- und Krisengespräche eingeflossen sind. So konnten Moratorien für Miet- und Energiezahlungen für Menschen in einer Krisensituation gesetzlich erwirkt werden, ohne dass sofort Kündigung oder Energiesperre droht. Es war erstaunlich, in welcher Geschwindigkeit demokratisch abgestimmte Reformen möglich waren. Ein weiteres (erfolgreiches) Beispiel in NRW ist die Einrichtung eines Fonds für Wohnungslose. Dieser sah in der Krise ein kleines Rettungspaket mit zum Beispiel Schutzmasken, Geld, Hygienemitteln für eine Gruppe vor, die man gesellschaftlich nicht abhängen und verlieren möchte. Für mein Verständnis war dies auch eine Art der Wertschätzung.

Thema: Wertschätzung: Was verstehen Sie unter dem Begriff? Wie setzen Sie wertschätzendes Handeln um?

Wertschätzung bedeutet für mich, den Menschen anzunehmen, wie er ist. Ein ganz wichtiger Begriff in dem Zusammenhang ist für mich Respekt. Das heißt, ebenso positive Eigenschaften hervorzuheben und Lob auszusprechen. Gleichzeitig hat Wertschätzung auch mit etwas fordern zu tun - ohne damit eine konkrete und verbindliche Erwartungshaltung zu verbinden. Mir ist wichtig, dass was ich erwarte, möchte ich auch reflektieren, damit Erwartungen nicht zu Verpflichtungen werden.

Wertschätzung bedeutet für mich jedoch ebenso, jemandem die Chance zu geben, sich zu zeigen und zu präsentieren. Gerade in meinem beruflichen Kontext und in Kontakt mit vulnerablen Zielgruppen ist es wichtig, nicht nur den eigenen Denkmustern zu folgen. Man sollte vermeiden, auf die Ratsuchenden die eigenen Erwartungen zu projizieren, sondern versuchen, den Blickwinkel zu wechseln und die missliche Situation, in der sie sich befinden, wenn sie zu uns kommen, nachzuvollziehen.

Von großer Bedeutung ist bei diesen Gruppen daher die armutssensible Ansprache. Denn der Alltag unserer Klientinnen und Klienten, die zum Beispiel auf den Empfang von Grundsicherungen/Sozialleistungen angewiesen oder von Überschuldung betroffen sind, ist meist von vielen Problemen geprägt. Oft geht ihr langfristiges und zielorientiertes Denken verloren, sodass sie sich durch gewisse auffordernde oder ermutigende Ansprachen nicht mehr angesprochen fühlen. Corona verstärkt diesen Effekt, das heißt diese gesellschaftliche Spaltung, die durch Corona noch stärker zu Tage tritt bzw. auch verstärkt wird.

Damit sie sich nicht noch abgehängter fühlen, brauchen wir für diese Gruppen auch stärkere Infrastruktur, zum Beispiel in Form von begleitenden Beratungs- und Hilfsangeboten. Je mehr sich alles normalisiert und je mehr wieder gespart wird, desto mehr sollten die Sparmaßnahmen die speziellen Bedürfnisse dieser „Randgruppen“ nicht vernachlässigen. (Weitere Informationen zur Schuldnerberatung der Caritas können Sie dem unten aufgeführten Link zum Youtube-Video entnehmen.)

Um es zusammenzufassen: Wertschätzung fängt bei uns im persönlichen Umgang miteinander an, aber es setzt sich in unserer Gesellschaft und in unserer Politik und deren Umgang mit Wertschätzung fort.

Stichwort: „Rückkehr zur Normalität“: Wenn Sie nun mit etwas Abstand auf die Corona-Krise blicken, welchen Vergleich können Sie zwischen der akuten Anfangsphase und der aktuellen Phase ziehen? Welche Änderungen sind durch die momentanen Regellockerungen erkennbar?

Im Vergleich zur akuten Anfangsphase kann ich sagen, dass die Beraterinnen und Berater wieder intensiver vor Ort sind. Es wird wieder mehr Face-to-Face beraten und weniger über E-Mails oder Telefon. Aufgrund von Corona und der Corona-Hilfen haben wir einen Zuwachs an neuem Klientel feststellen können.

Dazu gehören insbesondere Menschen, wie Solo-Selbstständige oder Menschen die in Kurzarbeit gehen mussten, die es nicht unbedingt erwartet hätten, dass es sie hätte treffen können. Da muss man sich die Frage stellen, was macht das mit Gesellschaft? Leben wir in einer „Gesellschaft der Angst“, verbunden mit der Befürchtung in einen Abstieg zu geraten?

Denn ich kann in der deutschen Gesellschaft bereits Abgrenzungstendenzen feststellen. Dies kann zum Beispiel politisch gesehen, in der Sozialgesetzgebung der Fall sein. Was meine ich damit? Ich beziehe mich dabei auf Menschen, die von der Grundsicherung nicht leben können oder auf die sogenannten „Hartzer“, die sehr schnell abgeschrieben werden. Das halte ich für sehr gefährlich. Politik sollte für wirklich existenzsichernde Leistungen Sorge tragen und u.a. dafür sorgen, dass diese Menschen nicht einen noch tieferen sozialen Abstieg erleben.

 

Welche Chance sehen Sie in der Corona-Krise? 

Sehr positiv habe ich im beruflichen Kontext die schnelleren Möglichkeiten der Abstimmung empfunden, wie ich sie am Beispiel der Schuldnerberatung oder Arbeitsmarktpolitik vorhin beschrieben habe. Außerdem habe ich den Fortschritt der Digitalisierung in der Arbeitswelt als sehr positiv und längst notwendigen „Befreiungsschlag“ empfunden. Wir sollen und wollen zukünftig verstärkt auf „Blended-Counceling“ setzen, ein Format, das sowohl Face-to-Face Gespräche als auch digitale Angebote ( z. B. Video-Chats) in der Beratung kombiniert. Es ist spontaner, zeiteffizienter und niedrigschwelliger und ich denke, dass es wegweisend für unsere Beratung der Zukunft sein kann.

Großes geleistet haben für mich unsere Beraterinnen und Berater, die in der Corona-Krise für die Hilfesuchenden vor Ort da waren und die sich somit auch der Gefahr einer potenziellen Infizierung ausgesetzt haben. Ich sehe meine Leistung eher darin, die Kolleginnen und Kollegen in der Beratung so gut und so schnell wie möglich zu informieren, zu unterstützen und zu beraten. Mir war es wichtig zu zeigen, ich bin für sie da und fühle mich für sie und ihre Belange zuständig.

Was können Sie persönlich aus den Erfahrungen der letzten Wochen mitnehmen?

Ich habe für mich selbst festgestellt, dass der Effekt, dass „mich trifft so etwas nicht trifft“, das heißt, eine Gefährdung von Gesundheit durch einen Virus und/oder die finanzielle Bedrohung, die einen sozialen Abstieg zur Folge haben kann, einem falschen Denken zugrunde liegt. Gleichzeitig möchte ich lernen mehr Gelassenheit auszuüben.

In der Tat hat die Krise den Finger in die Wunde in das Zusammenspiel von Freiheit und finanzieller Unabhängigkeit gelegt. Ebenso hat sie uns gezeigt, dass unser demokratisches System sehr gut funktioniert und Demokratie geschützt werden muss, denn letztendlich hat uns durch die Wirtschafts- und Corona-Krise ein starker Sozialstaat geführt.

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Dozentin Dr. Laura Büttgen (c) Laura Büttgen
Dozentin Dr. Laura Büttgen

Das Interview führte Frau Dr. Laura Büttgen, Dozentin im Bereich Kultur und Gesellschaft der Bischöflichen Akademie des Bistums Aachen am 24. Juli 2020.